How does it feel to…Tanz Improvisation

… Eintauchen in die Welt der Improvisation

mit Raksan

Auf dem Heimweg vom TAI Workshop von Raksan in Fürth fällt mir auf, dass sich mein Körper anders anfühlt. Komplett angefüllt mit Bewegung, Wohlgefühl und auch Freude. Aber vielmehr irgendwie entspannt auf eine Weise, die ich schon kenne, die aber nicht so einfach bei mir zu erzeugen ist.

Dabei nehme ich meine Umgebung ganz genau wahr. Ich spüre das, von dem Raksan an dem Wochenende so oft gesprochen hat: Mein Blick ist geweitet. Kein Tunnelblick, den man doch so oft hat, wenn man durch die Straße läuft. Sondern ein offener Blick, der alles wahrnimmt und noch viel mehr. Offenheit für alle Einzelheiten. Für den Gang des Mannes, der vor mir läuft, für die Parfüm Fahne, der Frauen, die an mir vorbei gehen, für den phänomenalen Himmel mit überladenen Gewitterwolken, für meinen eigenen Gang und wie sich meine Muskeln anfühlen.

Ich merke, dass mich der Workshop nachdenklich gemacht hat. Neben all diesen feinen Wahrnehmungen kommen doch Gedanken darüber, wie ich den Tanz sehe und wie sich das immer wieder verändert. Fragen, ob es ein richtig und ein falsch gibt oder ein immer wieder ausloten, probieren, korrigieren, improvisieren und tun.

Einfach Machen, so beschreibt Raksan das, wie Tanz Improvisation funktioniert.

Und vor allem spüre ich, dass der Workshop etwas angeregt hat, was in der Orient-Szene leider so häufig fehlt: Gemeinschaft, die Einbeziehung des ganzen Körpers und das Gefühl, gut genug zu sein.

Dies liegt auch daran, dass Improvisation nicht mit den denselben Maßstäben bewertet werden kann, wie zum Beispiel die choreografische Arbeit. Es geht nicht um das Einstudieren eines Bewegungsablaufes, Synchronität oder Schrittkombinationen. Nein, bei Improvisation, so wie Raksan sie liebt, geht es darum, innere Bilder nach außen in Bewegung zu transportieren.

DIE KUGEL IM BECKEN

Sehr üblich in der Tanz Improvisation, aber auch allgemein im Tanz, ist das Arbeiten mit Vorstellungsbildern. Sowohl Imaginationstechniken, wie die Franklin Methode, aber auch Tänzer und Choreografen nutzen Bilder, um Bewegungen und Bewegungsabläufe eine bestimmte Qualität zu geben.

Gerade in der Tanz Improvisation helfen diese Bilder, eine Orientierung oder einen gemeinsamen Bezugspunkt zu schaffen. Es ist die Vorgabe, aber die Umsetzung sieht bei jedem anders aus. Dennoch ist dieses zu Grunde liegende Bild erkennbar. Raksan führt beispielsweise das Bild einer Kugel im Becken ein, die wir in Bewegung brachten. Den aufsteigenden Rauch in der Al Hambra. Oder auch den kommunikativen Twist, der ein Smile ist.

BERÜHRUNG

Ganz zentral war an diesem Wochenende der körperliche Kontakt im Tanz – die Contact Improvisation. Der Ursprung dieses Konzepts, das sich zunächst nicht als Tanz oder Technik verstand, liegt in den 1970er Jahren. Aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche, stellte sich auch die Ästhetik des klassischen Tanzes in Frage. Während vorher der Tanz hauptsächlich choreografiert in Institutionen wie der Oper aufgeführt wurde, waren nun Spontaneität, Alltagsbewegungen und eben das Experimentieren und Erforschen der Dynamik von Bewegung und Berührung im Bezug auf die physikalischen Gesetze Fokus dieser neuen Bewegungsart.

Und das heißt ganz konkret: Es geht auch ums Anfassen.

Wenn man ganz unerfahren in der Tanz Improvisation ist, dann hört das sich erstmal komisch an. Wichtig ist aber, dass der Lehrer ganz behutsam auf dieses Thema hinführt. Denn es geht um so viel mehr als einfach nur Kontakt.

Achtsamkeit. Kommunikation. Unausgesprochene Absprachen. Halt geben. Vertrauen. Freiheit. Verlassen können. Verlässlich sein. Sicherheit. Getragen werden. Verbindung spüren.

Und dennoch wird es nicht esoterisch. Das sind eher Nebenprodukte, die dabei entstehen.

Raksan ist eine dieser Lehrerinnen, die die Teilnehmer sensibel und achtsam mit dieser Konzeption vertraut macht. Und sie selbst ist dabei sehr vertrauenswürdig, natürlich auch ein wichtiger Faktor. Das schafft eine besondere Atmosphäre in der Gruppe.

Das Spiel nutzt sie als einfacher Zugang, um sich in diesen Prozess einzulassen. Und eigentlich fühlt es sich auch insgesamt an wie ein Spiel. Die Regeln werden vorher festgelegt und dann starten die Paare oder die Gruppe. Ein erster Schritt ist ein Abklopfen des Rückens in Partnerarbeit, ganz easy, hat auch jeder schon mal gemacht und es wahrt auch noch eine Distanz. Alle sind sich einig, dass es sich einfach gut anfühlt.

Ein nächster Schritt ist das Formen eines Körpers durch kurze Impulse, meist mit den Händen. Dabei bleiben beide in ihren Rollen, einer gibt den Impuls, der andere setzt ihn in seinem Körper um. Auch eher ein Spiel. Du agierst, ich reagiere. Das kann dann auch im Wechsel passieren. Eine Variation dessen ist die Gewicht Abgabe. Auch hier wieder der Impuls, diesmal aber länger. Eine Hand, die ein Knie stützt beispielsweise. Und der Körper von letzterem baut sich um diesen Punkt herum und experimentiert, was möglich ist. Standwaage oder Rückbeuge. Alles ist möglich.

Der nächste Schritt ist die Weiterführung dieser Idee. Die Rollen der Agierenden wechseln ständig. Es gibt keine Pause, sondern eine kontinuierliche Weiterführung. Und nun können auch Arme, Ellbogen, Füße, Kopf der Impulsgeber sein. Alles ein ständiges Atmen und weiterbewegen.

Weiterführen kann man dies auch ohne Partner. Man versucht alleine, die gedachten Impulse im Körper zu spüren und umzusetzen. Auch der Boden wird als Impulsgeber benutzt.

DER BODEN

Für mich die absolute Befreiung als ich vor einigen Jahren mit dem zeitgenössischen Tanz angefangen habe: den Boden als Element zu nutzen.

Und zwar nicht, wie häufig im orientalischen Tanz eingesetzt, mit Bauchwellen und besonders grazil. Sondern den Boden wirklich für sich zu nutzen und daraus Kraft zu ziehen. Ich finde, das sollte jede Tänzerin erfahren haben.

Den Boden zu nutzen lässt dich nicht nur deinen ganzen Körper spüren, sondern macht auch frei. Es ermöglicht eine weitere Ebene, wodurch Level Changes noch viel geschmeidiger werden.

Für Raksan ganz natürlich. Sie motiviert dazu, durch alle Ebenen zu wechseln. Man sieht, dass auch sie das liebt. Über den Boden zu rollen und zu schwingen.

Und das eröffnet gerade in der Improvisation so viele weitere Möglichkeiten. Die beschriebenen Übungen bekommen so eine ganz andere Dynamik und Richtung.

VERTRAUEN UND ACHTSAMKEIT

All diese Experimente in der Tanz Improvisation können allerdings ohne zwei Voraussetzungen nicht oder schlecht ausgeführt werden: Vertrauen und Achtsamkeit.

Denn ohne Vertrauen, dass ich gehalten werde, lasse ich mich nicht fallen. Ohne meine Achtsamkeit, kann ich die Zeichen meiner Partnerin nicht lesen und im richtigen Moment reagieren. Und ohne diese beiden Voraussetzungen kann der Kontakt nicht funktionieren und schlimmer noch, man kann sich wirklich verletzen. Wie immer im Tanz. Auch bei einstudierten Bewegungsabläufen ist es wichtig, dass diese beiden Eigenschaften erarbeitet wurden. Sonst laufe ich bei Drehungen, Platzwechsel, Partnerarbeit immer Gefahr, die anderen und mich zu gefährden.

Ganz gezielt baut Raksan Vertrauen und Achtsamkeit für sich und für einander in ihren Workshops auf. Sie schafft einen Wohlfühlraum, in dem es kein Richtig und Falsch gibt. Sie bewertet nicht, aber ist präsent und achtet darauf, dass diese Bedingungen eingehalten werden. Zum einen durch konkretes Ansprechen, zum anderen durch vertrauensstiftende Übungen. Wir führen unsere Partnerin beispielsweise blind durch den Raum. Oder passen auf sie auf, wenn sie blind tanzt. Aber auch beim Impulstanz, der Contact Improvisation, wird einem die Wichtigkeit dieses Konzepts bewusst. Klar, im Tanz sollten dies eigentlich immer die Voraussetzungen sein. Aber gerade im Kontakt und Improvisieren mit einer anderen oder mehreren Personen, ist diese Haltung einfach unerlässlich.

FOKUS UND STILLE, aber auch ein bisschen Lachen

Was wäre das menschliche Miteinander ohne bestimmte Regeln oder Verhaltenskodex? Sicherlich ein ziemliches Durcheinander und nicht gerade rücksichtsvoll. Auch beim Improvisieren gibt es bestimmte Dinge, die man beachten sollte.

Denn das beschriebene Vertrauen und die Achtsamkeit kommen nicht von ungefähr. Sie können nur in einer bestimmten Umgebung umgesetzt werden. Eine, die dies auch zulässt und fördert. Fokus und Stille sind zwei dieser Elemente. Sie sind die Voraussetzung für eine Atmosphäre, in der vertrauensvoll und achtsam miteinander getanzt werden kann. So heißt die Devise „Nicht reden und konzentriert bleiben“. Dazu gehört auch „Don´t laugh“, das Raksan sehr ausführlich erklärt. Wir lachen oft, wenn uns etwas unangenehm ist oder um uns aus einer Situation zu entziehen. In der Improvisation wird versucht, dies so zu reduzieren, dass das Gesicht leer bleibt, quasi ein weißes Blatt Papier. Nur so kann man voll und ganz in diesen Prozess eintauchen. Dabei kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz. Es sind vielmehr bestimmte Phasen und Übungen, die diesen Fokus brauchen.

DER ANFANG UND DAS ENDE

Improvisationsklassen sind natürlich auch anders aufgebaut als Frontalklassen. Irgendwie befreiend ist Raksans Credo „Nicht gegen einen Zustand ankämpfen, sondern erstmal annehmen.“ Demnach wird Müdigkeit nicht durch ein Power Cardio Warm-Up bekämpft. Nein, jeder spürt in sich hinein und macht genau das worauf er gerade Lust hat und was der Körper in diesem Moment braucht, um wieder fit und aktiv zu werden. Dabei können wir Dinge nutzen, die wir erinnern und die unser Körper braucht. Jeder in seinem eigenen Tempo und Intensität. Dazu legt Raksan eine (orientalische) Musik auf.

KEINE EGO NUMMER

„Geht das Ego, kommt die Qualität“

  • unbekannter Jazzmusiker

Es ist keine Ego Nummer. Es geht nicht darum, besser als die anderen zu sein oder Bewegungen schneller umzusetzen. Es geht nicht um eine fertige Schrittkombination, die man am Ende mit nach Hause nimmt. Es geht nicht um perfekte Technik oder das bloße Abfragen gelernter Muster.

Es geht vielmehr um ein Miteinander, um einen Gruppenbildungsprozess. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und selbst als vertrauensvoll zu gelten. Es geht um Achtsamkeit für sich und für andere. Es geht darum, sein Bewegungsrepertoire zu erweitern und zu experimentieren. Es geht darum, sich für seine Umgebung zu öffnen und den Blick zu schärfen. Es geht um die Einbeziehung des ganzen Körpers. Es geht darum, dass jeder einfach mitmachen kann. Es geht um den Prozess.

Es geht darum, sein Inneres zu entdecken und nach Außen zu zeigen, ohne sich darin zu verlieren.

Hast du schon Erfahrungen mit (Tanz) Improvisation gemacht? Oder magst du lieber festgelegte Choreografien? Gibt es Punkte, die du gerne noch ergänzen möchtest?

Möchtest du selbst mal Tanz Improvisation ausprobieren?

Raksan gibt viele Workshops in ganz Deutschland

…und in meinem Sensuous Summer kannst du dieses Jahr auch einen Workshop Tanz Improvisation in Nürnberg ausprobieren.

Deine Daya

 

2 Kommentare

  1. Hallo Daya,
    was für eine wundervolle Seite und was für ein berührender Artikel. Ich selber fordere mich immer wieder heraus, im Tanz in Berührung mit einem anderen Menschen zu gehen. Es fällt mir in der Bewegung leichter, die Nähe und den anderen Mensch zuzulassen. Es beschwingt mich und lässt mich das Leben wieder deutlich spüren.
    Danke für deinen Artikel. Sandra

    • Danke liebe Sandra! Das freut mich sehr dass du ähnliche Erfahrungen hast! Ja, das Leben durch Bewegung zu spüren tut sooo gut:)
      Liebe Grüße,
      Daya

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